Jenseits von Gut und Böse – Aufhebung der Polarität Teil I

Polarität. Eine Illusion? Das ist eine extreme Behauptung in einer Welt, die aus ihren gegensätzlichen Polen zu bestehen scheint. Ich möchte hier jedoch aufzeigen, dass alle Pole in Wirklichkeit nur in unserem Verstand existieren. Wir haben von früh an gelernt, unsere Welt in gut und schlecht, warm und kalt, hell und dunkel zu unterteilen. Jedes Ding, jede Situation und auch wir selbst unterliegen in dieser Welt einer Bewertung, und diese entspringt entweder der einen oder der anderen Seite eines Pols. Eine Seite scheint dabei immer „positiv“, die andere „negativ“ zu sein. Und da dies von Geburt an unser Erleben und dies der meisten Menschen ist, gehen wir davon aus, dass die Polarität eine Gesetzmäßigkeit ist, die nicht verändert werden kann.

Betrachten wir dies am Beispiel von Licht. Das Gegenstück zu Licht ist natürlich die Dunkelheit. Doch ist dies tatsächlich so? Was, wenn Dunkelheit gar nicht wirklich existiert, und nur der Ausdruck davon ist, dass wir bloß einen sehr geringen Grad an Licht wahrnehmen. Das hieße, dass Licht immer existiert, und wir sind es, die entscheiden, ob wir es wahrnehmen oder nicht.

Ein Mensch, der kaum noch Licht in sich und in seinem Umfeld wahrnimmt, wird zumeist als depressiv eingestuft. Seine Sichtweise entspricht der polaren Welt. Er sieht fast ausschließlich die dunkle Seite, den Mangel in seinem Leben. Dabei singen die Vögel immer noch in seinem Garten. Lieben ihn seine Kinder. Scheint die Sonne auch für ihn. Doch all das sieht er nicht mehr, spürt er nicht mehr. Dennoch ist in seinem Leben all das vorhanden. Das Licht in ihm erhält ihn am Leben. Er nimmt es nur nicht mehr wahr.

Ein anderes Beispiel: Armut zählt mit zu den am meisten gefürchteten Zuständen auf der Welt. Das, wonach sich viele sehnen, ist ihr Gegenstück – die Fülle/Reichtum. Wenn ich heute auf mein Konto schaue, und sehe, dass dort nur Miese zu verzeichnen sind, weil ich meinen Dispo überzogen habe, könnte ich daraus schlussfolgern, dass ich wohl arm sein muss. Möglicherweise habe ich auch kein Auto, weil ich mir keines leisten kann. Und in Urlaub bin ich vielleicht auch schon die letzten zehn Jahre nicht mehr gefahren. Daraus könnte ich nun wirklich schließen, dass Armut bei mir vorherrscht.

Doch was passiert, wenn ich meinen Blick, von dem was ich nicht habe, auf das richte, was ich habe?

Da fallen mir vielleicht meine Freunde ein, mit denen ich im liebevollen Kontakt bin. Die freundliche Frau beim Bäcker, die mir immer zulächelt, wenn ich dort mein Brot kaufe. Meine Katze, die mir mehrmals am Tag zu verstehen gibt, wie sehr sie mich liebt. Die Blumen in meinem Garten, deren zarter Duft und leuchtende Farben mein Herz erfreuen. Es gibt also Dinge, die ich habe. Es gibt zahlreiche Menschen, Situationen, Gegenstände, Pflanzen und andere Wesen in unserem Leben, die uns bereichern und uns unseren inneren Reichtum spiegeln.

Wir können anhand dieser Beispiele erkennen, dass die wahrgenommenen Pole von hell/dunkel, arm/reich, glücklich/unglücklich, gesund/krank, gut/schlecht oder warm/kalt lediglich ein Ausdruck von verschiedenen Intensitäten sind.

Krankheit ist damit nur die fehlende Wahrnehmung von Gesundheit. Wenn du einen Arm gebrochen hast oder eine Grippe dich dazu zwingt, im Bett zu liegen, bist du dann krank oder bist du einfach nur etwas weniger gesund? Der gebrochene Arm hindert dich zum Beispiel daran, dir dein Marmeladenbrot zu streichen. Laufen, lesen, lachen, sich unterhalten und spielen kannst du aber immer noch, wenn auch manches etwas eingeschränkt.

Bei der Grippe fühlst du dich körperlich unwohl, bist schlapp und hast womöglich Fieber. Dein üblicher Fokus darauf ist, dass du krank bist, und dass es dir schlecht geht. Und natürlich bist du in dem Zustand eingeschränkt. Du kannst deiner üblichen Arbeit nicht mehr nachgehen und bist gezwungen, dich auszuruhen. Aber deine Arme kannst du noch frei bewegen. Du kannst ein Lied hören oder dich einfach nur im Bett liegend entspannen. Du hast vielleicht zum ersten Mal die Möglichkeit, dich auf dich zu besinnen. Du hast eine Zeit geschenkt bekommen, in der du dich fragen kannst, was die Grippe in dir hervorgerufen hat, und was du von ihr lernen kannst. Mit dieser neuen Betrachtungsweise, die den Fokus darauf hat, was du hast, anstatt auf dem, was du nicht hast, definierst du dich nicht mehr als krank. Du bist weniger gesund. Gesundheit ist jedoch immer noch ein Teil von dir.

Ich habe für mich erkannt, dass alles in meinem Leben immer nur ein Ausdruck von etwas ist, dass existiert.

Diese Betrachtungsweise ist frei von einer polarisierenden Bewertung. Dabei empfinde ich immer noch etwas Schönes als schön, und genieße die warmen Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Doch wenn heute Wolken vor der Sonne am Himmel stehen, ist das nicht unbedingt schlecht. Wenn ich mich von dem Bewerten der Ereignisse in meinem Leben mehr und mehr frei mache, kann ich feststellen, dass das Leben mir Unmengen an Möglichkeiten bietet. So kann ein wolkenverhangener Morgen dazu führen, dass ich die anstehenden Aufgaben am Computer erledige, meinen Keller aufräume oder mit einer lieben Freundin telefoniere.

Es gibt in Wirklichkeit weder gut noch schlecht.

Dies existiert nur in meinem Kopf. Wenn ich die Wolken als schlecht bezeichne, dann erlebe ich diesen Tag womöglich unter diesem negativen Vorzeichen. Dann ist mein Fokus von Vorneherein auf negativ gepolt. Lass ich davon ab, das Wetter oder andere Umstände zu bewerten, bin ich frei mit dem in Kontakt zu sein, was ist. Dann kann ich den Impuls wahrnehmen, der jetzt für mich kommt, wenn ich offen bin. Es gibt einfach kein schlechtes Wetter. Ihr habt das Beispiel sicher schon mal gehört: Für einen Urlauber im Schwarzwald mag der Sonnenschein für seine Wanderung wunderbar sein. Doch für einen Bauer, der für seine Felder schon lange auf Regen wartet, ist die Sonne kein Grund zur Freude. Er hält statt dessen Ausschau nach Regenwolken, die seine Felder bewässern, und die Pflanzen wachsen lassen.

So ist das mit allen Erfahrungen in unserem Leben. Egal was geschieht. Alles enthält immer ein Geschenk für uns. Auch wenn wir dies nicht sofort erkennen mögen. Der Verlust eines geliebten Menschen oder der Verlust eines Arbeitsplatzes löst zunächst bei den meisten Menschen tiefen Schmerz und Angst aus. Und diese Gefühle dürfen auch sein, brauchen den Raum in uns, um die Ereignisse zu verarbeiten. Erst zu einem viel späteren Zeitpunkt können wir, wenn wir offen dafür sind, erkennen, was wir aus dieser Erfahrung gelernt haben, wofür uns das gedient hat.

Ich frage mich inzwischen bei allen Erfahrungen, die ich mache, was das Geschenk darin ist.

Nicht immer gelingt es mir sofort, das Geschenk zu sehen. Manche Dinge brauchen Zeit. Manchmal bin ich noch im Modus von einem Widerstand. Dann hat es das Geschenk schwer, sich für mich zu offenbaren. Dafür ist es notwendig, offen zu sein, und nicht mehr zu kämpfen. Ob wir offen oder verschlossen sind, hängt davon ob, ob wir zu einer Erfahrung Ja sagen oder uns ihr gegenüber verschließen. Der Kampf gegen das, was ist, den wir fast täglich führen, kostet uns viel Energie. Woraus der Kampf genau besteht und was wir dafür tun können, frei davon zu sein, berichte ich im zweiten Teil.

Ich wünsche Dir einen Tag voller Momente, in denen Du den Reichtum und die Fülle und Liebe des Lebens um Dich herum erkennst!

Herzlich,
Eure Astrid *Sternenseglerin

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