Zeit zu leben

Wieviel Zeit bleibt uns zum Leben?

Wie oft hast du schon von anderen gehört, dass sie keine Zeit haben, um sich etwas Ruhe zu gönnen, das Leben zu feiern und zu genießen… Oder steckst du selbst im Hamsterrad von Arbeit und Pflichten fest?

Wenn ich den Moment feiere und so nehme, wie er sich mir hier und jetzt zeigt, dann kann es sein, dass mir der Hausputz großen Spaß bereitet, oder ich statt dessen lieber nach draußen in die Sonne gehe. Da gibt es keine Regeln mehr, die einzuhalten sind. Allein die Freude zählt, die immer dann auftritt, wenn ich meinem Herzen folge.

Zeit zum Leben scheint es immer weniger zu geben. Sich kurzfristig zu sehen oder sich zu verabreden ist inzwischen nicht mehr so leicht möglich, wie es vor einigen Jahren noch war. Zeit ist kostbar geworden, und für viele könnte der Tag gerne ein paar Stunden mehr haben. Aber würde dies etwas nützen? Ich glaube nicht…

Ein Beispiel aus meinem Umfeld demonstriert, wie alte Denk- und Verhaltensgewohnheiten dazu führen, dass wir angeblich zu wenig Zeit zum Leben haben: Ich möchte mich mit einer Freundin zusammen mit unseren Kindern am Wochenende verabreden. Wir hatten die Tage zuvor darüber gesprochen, und sie sagte, dass sie sich sehr darauf freut, mit uns eine schöne Zeit am See zu verbringen. Die Sonne lacht diese Tage vom Himmel und die warmen Temperaturen laden regelrecht dazu ein, nach draußen zu gehen und sich zu entspannen.
Am Samstagmorgen melde ich mich wie vereinbart bei ihr, und spreche auf die Mailbox, dass wir ab Mittag am See sind und uns freuen, wenn sie nach ihrer Arbeit im Studio noch mit ihren Kindern vorbeikommt. Ich genieße den Tag am See zusammen mit meiner Tochter. Wir laufen barfuß im Sand, fahren Seilbahn oder schaukeln, und zwischendurch liege ich einfach da, und tue rein gar nichts. Ich merke kaum wie die Zeit vergeht, als am späten Nachmittag meine Freundin anruft, und mit Bedauern und spürbarem Stress mitteilt, dass sie leider nicht mehr kommen können. Sie habe versucht, so schnell wie möglich noch alles zu erledigen, doch sei es inzwischen schon zu spät, da sie ihre kleinste Tochter demnächst schon zu wieder zu Bett bringen müsse. Auf meine Frage, was denn dazwischen gekommen sei, berichtet sie, dass ihr Mann leider nicht wie vereinbart die Hausarbeit, sprich Aufräumen und Wäsche waschen erledigt habe, während sie am Vormittag zur Arbeit war, so dass sie sich beim Nachhause kommen damit konfrontiert sah, dieses jetzt selbst erledigen zu müssen.

Ich habe diese Argumente schon von vielen gehört. Es spricht aus meiner Ansicht auch nichts dagegen, seine Aufgaben zu erledigen. Ich spreche hier deswegen von dem Thema „Lebenszeit“, weil ich den Eindruck gewonnen habe, dass das Funktionieren und Einhalten von Pflichten und Verhaltensregeln bei vielen das Wesentliche in unserer Gesellschaft geworden ist – also das, worauf überwiegend der Fokus liegt. Für mich ist es so, dass das Wesentliche das ist, was mir Freude macht. Und das kann auch mal Saubermachen sein, dann mache ich das mit total großer Lust und Freude. Ich mache z.B. Musik an, tanze durch die Wohnung und putze.

Bemerkenswert für mich ist die Tatsache, dass sich meine Freundin nicht eine Sekunde lang gefragt hat, ob sie diese Arbeit jetzt machen will. Viele kennen sicher den Spruch: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“. Eine Aussage, die besonders die Generation meiner Eltern und die ihrer Eltern geprägt hat. Doch auch jüngere Generationen sind davon noch massiv beeinflusst. Sie haben dieses Denkmodell einfach bei ihrer Erziehung übernommen. Wenn die eigenen Eltern vorleben, dass das Leben kein Vergnügen ist und das erledigen von Pflichten immer an erster Stelle steht, gehen wir als Kinder ebenfalls davon aus, dass das Leben so ist. Die Zeit scheint dann überwiegend mit Pflichten und Arbeiten voll zu sein, während freie Zeit und Vergnügen nur am Rand existieren. Allenfalls sind sie Motivator, um sich noch mehr anzustrengen, damit man endlich mal das Leben genießen kann, und sei es auch nur für ein paar Wochen Urlaub im Jahr.

Wenn wir genau hinschauen, können wir feststellen, dass wir gar nicht zu wenig Zeit haben, sondern einfach nicht gelernt haben, unsere Zeit mit dem zu verbringen, was uns Freude macht, und was das Leben in seiner Essenz für uns ausmacht. Dabei sind dies die herausragendsten Eigenschaften, wenn wir als Kinder auf die Welt kommen. Die Fähigkeit, sich für etwas zu begeistern und Dinge mit Liebe und Sorgfalt zu studieren, völlig im Tun aufzugehen, ist uns sozusagen in die Wiege gelegt. Wenn Kinder von ihren Eltern den Raum dazu bekommen, folgen sie in jedem Moment ihrer augenblicklichen Neugier, und vertiefen sich in das, was ihnen Lust bereitet. Sie kommen gar nicht auf die Idee, ihre Aktivität als anstrengende Arbeit oder Lernen zu verstehen. Es macht ihnen einfach Freude, ihren Impulsen zu folgen und sich und ihre Umwelt zu erforschen.

Wenn es uns gelingt, uns wieder mit dem Kind in uns zu verbinden, dass voller Neugier und Lebensfreude ist, zeigt sich uns die Welt auf einmal aus einem ganz anderen Blickwinkel. Alles dient unserer Freude, will erforscht und erfahren werden. Und wir selbst sind in dieser Welt geborgen. Wenn wir so ganz in dem gegenwärtigen Moment präsent sind, fällt uns vielleicht auf, dass es für alle Tätigkeiten Zeitfenster gibt, in denen es angebracht ist, etwas zu tun. Saubermachen und Aufräumen kann auf diese Weise sehr viel Spaß machen. Dazu braucht es nur das Vertrauen in uns, dass es für alles einen richtigen Zeitpunkt gibt, und dass dieser Zeitpunkt garantiert kommt. Außerdem noch hilft die Haltung, dass weder wir selbst noch unser Umfeld perfekt sein muss. Sprich die Hausarbeit auch einmal liegen bleiben und zu einem späteren Zeitpunkt erledigt werden kann.

Das Thema hat für mich sehr viel mit Vertrauen zu tun – Vertrauen, das wir in uns selbst und zum Leben haben. Für mich spielt es inzwischen keine Rolle mehr, wann ich meinen Haushalt mache. Natürlich ist es schön, wenn alles sauber ist. Das liebe ich auch, ebenso wie Ordnung. Doch im Wesentlichen möchte ich glücklich sein, und zwar in jedem Moment. Und wenn jetzt die Sonne lacht und mich raus ruft, und ich habe Lust an den See zu fahren – dann mache ich das. Es kommt oft vor, dass ich mich verabreden möchte, und dann von dem anderen höre, dass sie ebenfalls große Lust haben zu kommen, aber… Und dann erscheinen Argumente, die häufig aus dem Verstand kommen, z.B. verinnerlichte Vorschriften und Regeln, die eingehalten werden müssen. Der typische Spruch, den vielleicht viele kennen: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ – und vorher können wir uns keinen Spaß gönnen. Genau wie unser Leben bei uns in der Gesellschaft verläuft, in dem wir viel Zeit für die Arbeit aufwenden und das Organisieren von allem, Haushalt und Kindern. Lediglich ein paar Wochen Urlaub im Jahr sin dafür da, in denen wir uns erholen und unserem Vergnügen nachgehen.

Ich bedaure das sehr, dass das bei vielen so ist. Und ich möchte dich dazu einladen, in verschiedenen Situationen mal nach innen zu gehen und dich zu fragen: „Was ist der wahre Impuls von meinem Herzen?“ So habe ich begonnen, das zu lernen. Und ich bin immer noch am Lernen, jeden Tag neu. Bereitet mir beispielweise der Gedanke, meinen Haushalt zu machen, Freude, dann weiß ich, diese Arbeit ist jetzt dran, auch wenn draußen die Sonne scheint. Aus irgendeinem Grund ist es dann gut, die Arbeit jetzt zu erledigen und Zuhause zu sein. Gelegentlich kommt es in solchen Fällen z.B. vor, dass der Postbote klingelt, und mir das Paket liefert, worauf ich schon lange gewartet habe. Dann freue ich mich darüber, daheim geblieben zu sein, und das Paket in Empfang nehmen zu können. Anschließend kann es sein, dass die Lust auf die Hausarbeit nachlässt, und etwas anderes ansteht. Oder aber die Energie für eine Reinigung ist einfach da – dann nutze ich das.

Ich habe das Vertrauen bekommen, dass die anstehenden Arbeiten erledigt werden und dass es immer Zeitfenster gibt, wo die richtige Energie dafür da ist, die Aufgaben zu erfüllen. Ich muss mich nicht anstrengen und alles planen, oder ein Plan, den ich mir einmal aufgeschrieben habe, einhalten. Das was ich jetzt lerne ist, aus dem Moment heraus zu leben. Hier und Jetzt. Und das hat sehr viel mit Vertrauen zu tun.

Diese Botschaft möchte dich dazu anregen, dich mit dem Thema – deine „Lebenszeit“ – näher zu befassen, und dich dazu einladen, deine Entscheidungen mit deinem Herzen zu überprüfen: Entspricht das, was du zu tun beabsichtigst deiner Freude und Lust, oder folgt es eher einer Norm, einer Regel, die du dir selbst auferlegt hast und an die du dich hältst?

Alles Liebe 
Astrid